Warum es uns schwer fällt, unsere Fähigkeiten richtig einzuschätzen

Two boys standing at the mechanic with tools retro car near the garage

Die meisten Menschen haben ein positives Bild von sich selbst. Sie glauben an die eigenen Fähigkeiten oder gehen zumindest davon aus, besser als der Durchschnitt zu sein. Fragen wir beispielsweise Autofahrer*innen nach ihren Fähigkeiten im Straßenverkehr, so antworten die meisten aus voller Überzeugung, sie seinen überdurchschnittlich gute Autofahrer*innen. Studien zeigen, dass der Anteil dieser Personengruppe zum Teil bei über 90 Prozent liegt. Doch wie ist das möglich? Schon allein statistisch betrachtet könnte der Anteil der über dem Durchschnitt liegenden guten Autofahrer*innen nicht größer als 50 Prozent sein.

Und wer kennt nicht die diversen Casting- und Talentshows im Fernsehen, in denen sich junge Talente beispielsweise auf dem Catwalk (bzw. Runway) oder aber am Mikrofon vor einer professionellen Fachjury und einem Millionenpublikum beweisen wollen. Hochmotiviert werden die eigenen läuferischen oder gesanglich-musikalischen Fähigkeiten präsentiert. Und nicht selten erfolgt im Anschluss daran die vernichtende Kritik der Jury: „War das jetzt dein Ernst? Das war eine Katastrophe. Mach das bitte nie wieder …“ Die meisten dieser Talente sind danach am Boden zerstört und verstehen die Welt nicht mehr. Hatte ihnen doch zu Hause und im Freundeskreis jeder versichert, wie außergewöhnlich talentiert sie seien. Der Fernsehzuschauer fragt sich in solchen Momenten, wie das denn sein kann? Warum merkt diese Person nicht, dass das nicht gut war? Es war doch so offensichtlich.

Überbewertung der eigenen Fähigkeiten

Was für den einen offensichtlich ist, ist jedoch für den anderen oftmals gar nicht leicht zu erkennen. Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten sind keine Seltenheit und begegnen uns überall und in jeder Lebenssituation. In den eben genannten Beispielen mögen die Auswirkungen noch überschaubar sein. Zumindest, solange beim Autofahren keine Unfälle daraus entstehen und die vermeintlichen Casting-Talente sich wieder anderen Aufgaben widmen.

Doch was passiert, wenn wir berufliche Fähigkeiten falsch einschätzen? Also einen Lebensbereich, der einen großen und wichtigen Anteil unseres Lebens ausmacht. Vielfach haben wir im Berufsleben nur wenige bzw. sogar nur eine einzige Chance auf eine bestimmte berufliche Entwicklung – bspw. im Bewerbungsgespräch bei dem Arbeitgeber oder aber in der internen Karriereentwicklung bei der Besetzung von der Führungsposition. Viele Arbeitnehmer*innen – vor allem junge und unerfahrene potenzielle Nachwuchsführungskräfte – gehen in diesem Zusammenhang ganz selbstverständlich davon aus, eine hohe Begabung für Führungsaufgaben zu besitzen. Kritisch wird das vor allem dann, wenn diese eigenen Einschätzungen nicht bestätigt werden und die (berufliche) Weiterentwicklung nicht mehr zielgerichtet verläuft, ohne dass die eigentlichen Gründe dafür offensichtlich sind und aufgearbeitet werden können. Gerade in Bewerbungsverfahren oder in der internen Karriereentwicklung werden die eigentlichen Gründe für eine Nichtberücksichtigung vom Arbeitgeber nämlich oftmals gar nicht genannt. Es liegt an den Bewerber*innen selbst, die Zeichen zu deuten und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Doch bleiben diese vielfach ratlos und rätselnd zurück – dabei waren das Bewerbungsgespräch oder aber die Zusammenarbeit der letzten Monate doch vermeintlich so gut gelaufen und der anschließende Optimismus dementsprechend groß. Und auch die Mitbewerber*innen schienen eine überschaubare Konkurrenz darzustellen.

Zu verstehen, warum wir dazu neigen unsere Fähigkeiten und somit unsere Möglichkeiten manchmal falsch einzuschätzen und deshalb ein (persönliches) Ziel nur schwer erreichen oder aber für eine (berufliche) Position wieder und wieder nicht berücksichtigt werden, kann uns helfen, unser Verhalten kritisch(er) zu reflektieren und zukünftig realistischer einzuschätzen.

Better-than-the-average-Effect

In der Psychologie gibt es verschiedene Ansätze, die sich mit sozialen Vergleichen und dem daraus entstehenden Phänomen der fehlerhaften Einschätzung der eigenen Fähigkeiten (im Vergleich zu anderen Personen) beschäftigen. Man nennt diese den „Better-than-the-average-Effect“ oder aber auch die „Optimismus-Verzerrung“. Beide sind sich grundsätzlich ähnlich. Bei erstem findet ein Vergleich von Fähigkeiten mit einem durchschnittlichen Standard statt, wobei dieser Vergleich zwischen der Person selbst und durchschnittlich Gleichaltrigen, d.h. mit oberflächlich betrachtet vergleichbaren Personen erfolgt. Bei zweitem wird dieser Vergleich für vermeintlich ähnliche Lebensereignisse oder Situationen vorgenommen. Hinzu kommt, dass Personen die eigene Chance auf glückliche Umstände tendenziell überschätzen, während gleichzeitig das Risiko für unglücklich verlaufende Situationen unterschätzt wird. Es entsteht dabei eine Tendenz zur eigenen Selbstüberschätzung.

Begründet ist dieses Tendenz mit der vielfach bestehenden Schwierigkeit, die eigenen Schwächen überhaupt erkennen zu können. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung eigener Schwächen setzt voraus, den Unterschied zwischen guten Leistungen und schlechten Leistungen gar erst beurteilen zu können. Wir müssen also in einer konkreten Situation zunächst umfassende Informationen über die Qualität einer Leistung im Allgemeinen besitzen, um dann die von uns erbrachte Leistung überhaupt einordnen zu können. Und dies geht über oberflächliche Informationen und Annahmen hinaus. Wer beispielsweise also die richtige Antwort auf eine gestellte Frage gar nicht kennt (oder nur teilweise kennt), der kann auch nicht beurteilen, ob die Antwort, die er gegeben hat, tatsächlich korrekt ist. Und wer gar nicht weiß, was gute Autofahrer exakt und im Detail ausmacht (weil er z.B. Unfallstatistiken, Unfallursachen etc. nicht kennt), der kann auch nur bedingt beurteilen, ob er selbst ein solcher ist.


Wer die richtige Antwort auf eine gestellte Frage gar nicht (oder nur teilweise) kennt, der kann auch nicht beurteilen, ob seine Antwort tatsächlich korrekt ist …


Untersuchungen von Prüfungsleistungen bei Studierenden fanden beispielsweise, dass Studierende, die in einer bestimmten Prüfungsleistung die schlechtesten Noten erzielten, ihre Fähigkeiten vorab wesentlich höher einschätzten. Es zeigte sich, je besser die tatsächliche Leistung einzelner Studierender war, desto besser war auch die Einschätzung hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten. Eine mögliche Schlussfolgerung daraus war, dass es Studierenden vor allem am Anfang ihres Studiums besonders schwer fiel, bestimmte Leistungen adäquat beurteilen zu können. Weiterhin wurde angenommen, dass das Studium grundsätzlich mit einer übertrieben positiven Sichtweise in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten begonnen wurde. Diese wurde vor allem im Zeitablauf durch qualifizierte Erfahrungen und das Erlernen entsprechender Fertigkeiten verringert.

Die eigene Wahrnehmung verbessern

Für das Erlernen entsprechender Fertigkeiten zur Verbesserung der eigenen Wahrnehmung (wie beispielsweise die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion) ist jedoch oftmals professionelle Unterstützung erforderlich. Es zeigt sich nämlich auch, dass Personen – über die oben genannte Untersuchung bei Studierenden hinaus – vielfach Schwierigkeiten damit haben die richtigen Schlussfolgerungen aus ihrem Verhalten und der Einschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten zu ziehen. Verantwortlich dafür ist unter anderem das sog. Selbstkonzept einer Person, d.h. die eigene bewusste Vorstellung im Hinblick darauf, welche Eigenschaften man besitzt, welche körperliche Erscheinung man pflegt, welche Ziele und Bedürfnisse man verfolgt, welche Sichtweisen man auf bestimmte Themen hat usw. Das Selbstkonzept entwickelt sich im Laufe unseres Lebens und der individuellen Erfahrungen, die wir gesammelt haben, zu einer persönlichen und unverwechselbaren Identität.    

Und dieses Selbstkonzept ist in der Regel robust und stabil gegenüber äußeren Einflüssen. Neue und vor allem kritische Informationen und Erfahrungen werden nur langsam integriert oder sogar abgelehnt. Und das hat auch einen tieferen Sinn: Die Erhaltung unseres positiven Selbstbildes. Nur so ist die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit überhaupt möglich. (Wo würde es uns andersherum betrachtet hinführen, wenn jede Kritik und jeder Zweifel an uns direkt eine größere Identitätskrise auslösen würde und wir sofort all unsere Werte, Ziele, Ideale etc. in Frage stellen würden?) Manchmal jedoch sind die von uns eingesetzten Strategien zur Bewahrung unseres Selbstbildes auch kontraproduktiv und können unsere weitere Entwicklung verzögern. Beispielsweise wenn wir dazu neigen, unsere Erfolge grundsätzlich uns selbst, unserer Leistung, unseren Fähigkeiten etc. zuzuschreiben, während wir Misserfolge tendenziell eher äußeren Umständen zuschreiben.

So würde unser Talent aus der Casting- und Talentshow für das krachende Scheitern beim Vorsingen hauptsächlich die Fachjury verantwortlich machen („Die haben ja sowieso keine Ahnung.“) und nicht die eigenen – ggf. nicht ausreichenden – gesanglichen Fähigkeiten. Erst im Laufe der Zeit und nach weiteren Rückschlägen würde sich die Erkenntnis Stück für Stück durchsetzen – sofern nicht im Vorfeld bereits entsprechende Fertigkeiten trainiert worden sind oder aber direkt eine professionelle Analyse und Aufarbeitung vorgenommen wurde. Sich dies bewusst zu machen, stellt bereits einen wichtigen ersten Schritt dar – vor allem für den Bereich der beruflichen Entwicklung, der für unser Leben eine zentrale Rolle einnimmt.

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